Die Regierung Indiens sagt, sie könne diesen Sommer die Lichter anlassen, selbst wenn der Konflikt im Nahen Osten die Erdgaslieferungen stört, die einen Teil seines Stromnetzes speisen. Da die Spitzenstromnachfrage während der April‑bis‑Juni‑Hitzeperiode voraussichtlich einen neuen Rekord erreichen wird, setzen die Behörden stark auf Kohlevorräte und Notrationierungen bei Gas, um die Lücke zu schließen, die durch eingeschränkte LNG‑Ströme durch die Straße von Hormus entsteht.
Ein Jahrzehnt steigender Nachfrage trifft auf einen Angebotsschock
Indiens Stromhunger ist in einem Tempo gewachsen, das nur wenige Netze weltweit erreichen. Die Spitzenlast des Landes stieg von etwa 148 GW im Jahr 2014 auf rund 250 GW im Jahr 2024, laut Nachfragedaten der Internationalen Energieagentur, ein Verlauf, der die Infrastruktur selbst bei stabiler Brennstoffversorgung belastet. Diese strukturelle Herausforderung prallt nun auf einen plötzlichen externen Schock: Der Krieg im Nahen Osten hat Öl‑ und Erdgaslieferungen durch den wichtigsten Engpass der Region gestört.
Das Timing ist besonders schwierig. Indien folgt einem Haushaltsjahr von April bis März, und Regierungs schätzungen deuten darauf hin, dass heißes Wetter den Stromverbrauch im kommenden Quartal auf neue Höhen treiben wird. Auf Basis interner Projektionen, die von namentlich nicht genannten Beamten zitiert wurden, wird erwartet, dass die Spitzenlast im Haushaltsjahr 27 einen neuen Höchstwert erreichen, was die Belastungen durch den Brennstoffmangel noch verstärkt. Die Daten für FY26 bis Februar zeigten bereits eine Beschleunigung dieses Aufwärtstrends, und Analysten weisen darauf hin, dass das Netz schon in den weniger schweren Bedingungen des Sommers 2024 getestet wurde.
Diese strukturellen Belastungen werden nun durch einen externen Angebotschock verstärkt. Störungen bei LNG‑Ladungen haben die Spotmärkte angespannt und Lieferungen an indische Häfen verkompliziert. Eine gesonderte Analyse des Stromsektors warnt, dass die Kombination aus rascher Elektrifizierung, heißeren Sommern und eingeschränkten Gasimporten das System anfälliger machen könnte, als die Planer erwartet hatten, besonders in den Abendstunden, wenn die Solarleistung nachlässt, die Kühlungsnachfrage aber hoch bleibt, so jüngste Einschätzungen.
Gassparmaßnahmen und das vierstufige Prioritätensystem
Statt auf eine Verschlechterung der Lage zu warten, handelte Neu‑Delhi früh. Die Regierung erließ die Natural Gas (Supply Regulation) Order, 2026, ein in der amtlichen Zeitung veröffentlichtes Rechtsinstrument, das ein vierstufiges Zuteilungssystem für Gas festlegt. An der Spitze stehen Gasleitungen für Haushalte (PNG), komprimiertes Erdgas (CNG) für den Verkehr, die LPG‑Produktion und Pipelines. Düngemittelhersteller und einige Industriekunden erhalten teilweisen Schutz in der zweiten und dritten Stufe. Am untersten Ende der Prioritätsliste stehen petrochemische Betriebe und – entscheidend – Gaskraftwerke.
Die Verordnung ermächtigt ausdrücklich zur Kürzung der Lieferungen an diese weniger priorisierten Nutzer, wenn die Vorräte knapp werden. Die Behörden setzten dann Notmaßnahmen in Kraft, um den Rahmen umzusetzen, erklärten in einigen Verträgen höhere Gewalt und lenkten Gas in Schlüsselsektoren um, die nun 80 % der verfügbaren Lieferungen erhalten. Die praktische Folge ist deutlich: Die gasbefeuerte Stromerzeugung, die ohnehin nur einen kleinen Anteil im indischen Strommix ausmacht, wird in den heißesten Monaten des Jahres weiter schrumpfen.
Mindestens ein großer Anlagenbetreiber, der auf Gas setzt, hat bereits dem indischen Netzregulierer mitgeteilt, dass er keine verlässliche gasgefeuerte Leistung für die April‑bis‑Juni‑Periode zusagen könne. Andere Kraftwerke werden voraussichtlich weit unter ihrer Kapazität laufen oder ganz stillstehen. Während dies Haushalte vor Engpässen bei Kochgas schützt und Dünger für die Landwirtschaft fließen lässt, macht es die Netzbetreiber abhängiger von anderen Quellen, um die schnell wachsende Nachfrage zu decken.
Kohlevorräte als Rückhalt
Um diese Lücke zu schließen, greift die Regierung auf Kohle zurück. Beamte sagen, Indien habe an Kraftwerken und Tagebauen ausreichende Vorräte aufgebaut, die etwa 88 Tagen Verbrauch bei den aktuellen Verbrennungsraten entsprechen. Das Energie‑Ministerium betonte außerdem, dass das Land während der Tagesstunden über genügend Erzeugungskapazität verfüge, um die erwartete Spitze zu decken, und verwies auf starke Leistungen von Solar‑ und Wasserkraft neben kohlebasierten Anlagen.
Dieses Vertrauen ist nicht unbegründet. Kohle erzeugt nach wie vor den Großteil des indischen Stroms, und das Land hat jahrelang in Ausbau der Bergbaukapazitäten und in Schienenverbindungen zu Wärmekraftwerken investiert. Um die Flexibilität weiter zu erhöhen, deutete die Regierung an, dass einige Einheiten, die für Inlands‑Kohle ausgelegt sind, vorübergehend mit importierter Kohle betrieben werden könnten, um die Erzeugung zu maximieren, so ein aktuelles Briefing zu Notfallplänen.
Doch die Strategie hat einen klaren Zielkonflikt: Jede Megawattstunde, die von Gas auf Kohle verlagert wird, erhöht die Kohlenstoffintensität des indischen Netzes, und das zu einer Zeit, in der das Land den Ausbau der Erneuerbaren und die schrittweise Eindämmung des Emissionswachstums zugesagt hat. Umweltgruppen warnen, dass ein zu starker Rückgriff auf Kohle zu höheren Verschmutzungswerten führen und Investitionen in sauberere Technologien bremsen könnte. Für Haushalte und Unternehmen ist die unmittelbare Rechnung jedoch einfacher: Wenn die Kohlevorräte ausreichen und die Schienenlogistik funktioniert, sollten die meisten Verbraucher die rollenden Stromausfälle vermeiden, die in früheren Hitzewellen zeitweise Teile des Landes trafen.
Tageszeitlicher Komfort, nächtliches Risiko
Sogar bei ausreichender Kohle bleiben die Schwachstellen des Systems bestehen. Die Netzplaner sind am zuversichtlichsten für die Tagesversorgung, wenn Solarparks hohe Leistungen liefern können und die industrielle Nachfrage leichter zu steuern ist. Regierungsstellen haben wiederholt betont, dass es ausreichende Kapazität während der Tagesstunden gebe, um die prognostizierten Spitzen zu decken.
Das größere Risiko ist der abendliche Anstieg, wenn die Solarproduktion zurückgeht, Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlgeräte aber weiterhin stark genutzt werden. In früheren Sommern hat dieses Muster kurz nach Sonnenuntergang zu scharfen Nachfragesteigerungen geführt. Da Gaskraftwerke durch die neue Zuteilungsverordnung eingeschränkt sind, werden Netzbetreiber weniger schnell regelbare Einheiten zur Verfügung haben, um diese Schwankungen auszugleichen. Wasserkraft kann helfen, aber die Reservoirstände variieren je nach Region und Saison, und Kohlekraftwerke sind weniger flexibel, wenn sie häufig takten müssen.
Um diese Risiken zu managen, bereiten die Behörden ein bekanntes Instrumentarium vor. Die Staatsbetriebe wurden angewiesen, Wartungsarbeiten soweit möglich bis April abzuschließen, nicht‑essentielle Ausfälle zu verschieben und sicherzustellen, dass Übertragungsachsen frei sind, um Überschussstrom zwischen Regionen zu transportieren. Maßnahmen auf Nachfrageseite, von freiwilligen Appellen zur Einsparung bis hin zu gezielten Einschränkungen großer Industrieverbraucher während Spitzenstunden, stehen ebenfalls zur Debatte, falls sich die Lage zuspitzen sollte. Die Verantwortlichen betonen, dass solche Schritte vorübergehend und lokal begrenzt wären, doch die Erfahrung der vergangenen Jahre legt nahe, dass einige Regionen bei unerwartet starkem Temperaturanstieg dennoch kurzzeitige Störungen erleben könnten.
Ein Stresstest für Indiens Energiewende
Dieser Sommer wird nicht nur die Notfallplanung Indiens, sondern auch seine längerfristige Energiewende auf die Probe stellen. Die Krise macht deutlich, wie schnell externe Schocks Annahmen zur Brennstoffverfügbarkeit auf den Kopf stellen können und wie schwierig es ist, konkurrierende Prioritäten auszubalancieren: Strom bezahlbar zu halten, Haushalte und Landwirte zu schützen und gleichzeitig langfristig Emissionen zu senken.
Kurzfristig ist Kohle der einzige Brennstoff mit der nötigen Menge und inländischen Verfügbarkeit, um den Gasverlust auszugleichen. Mittelfristig sind nach Ansicht von Politikern und Experten jedoch tiefere Investitionen in Übertragungsnetze, Energiespeicherung und flexible Erzeugung erforderlich, um die Anfälligkeit gegenüber ähnlichen Störungen zu verringern. Der Ausbau von Dachsolar, die Modernisierung von Verteilnetzen und Verbesserungen der Energieeffizienz in Gebäuden könnten alle dazu beitragen, die abendliche Lastspitze abzuflachen, die derzeit die größte Herausforderung darstellt.
Vorläufig lautet die Botschaft der Regierung eine der vorsichtigen Beruhigung. Planer sagen, sie hätten Worst‑Case‑Szenarien für LNG‑Störungen modelliert, Kohleeinfuhren als Backup bereitgestellt und sich vor der Hitzeperiode eng mit den Staatsversorgern abgestimmt. Ob diese Vorbereitungen ausreichen, hängt von Faktoren ab, die Neu‑Delhi nicht kontrollieren kann: dem Verlauf des Nahostkonflikts, den weltweiten Energiepreisen und vor allem davon, wie stark das Thermometer in den kommenden Monaten steigt. Klar ist, dass die Hitze dieses Sommers nicht nur Indiens Stromnetz, sondern die Widerstandsfähigkeit seiner umfassenderen Energiestrategie in einer zunehmend volatilen Welt auf die Probe stellen wird.